Marie Jacquot, Entdeckerin am Dirigentenpult Main Post

Marie Jacquot hat erst vor Kurzem zur Oper gefunden. Mit Verdis „Nabucco“ dirigiert die neue Erste Kapellmeisterin am Mainfranken Theater ihre erste eigene Produktion. Mit Oper hatte sie bisher noch nicht allzu viel zu tun. Das gibt sie freimütig zu. Wie Marie Jacquot überhaupt sehr freimütig spricht – über ihre Arbeit, ihre Begeisterung und auch ihre Schwächen. Ihr Deutsch hält sie zum Beispiel für eine solche. Was offensichtlich aber mehr mit ihrem Perfektionismus zu tun hat als mit sprachlicher Unzulänglichkeit. Denn Marie Jacquot, 1990 in Paris geboren, zuletzt Assistentin bei Kirill Petrenko in München (seinerseits ein berüchtigter Perfektionist), weiß genau, was sie sagen will und wie sie es sagen kann. Und das klappt auch auf Deutsch sehr gut. „Ich habe immer gesagt, pfff, Oper ist langweilig“ Marie Jacquot ist seit dieser Spielzeit Erste Kapellmeisterin und stellvertretende Generalmusikdirektorin am Mainfranken Theater. Die dritte Runde des Bewerbungsverfahrens in Würzburg war das erste Mal, dass sie am Pult eine Opernpartitur vor sich hatte: „Die lustigen Weiber von Windsor“. „Ich habe immer gesagt, pfff, Oper ist langweilig“, sagt Jacquot. Aber dann kamen „Die lustigen Weiber“, und sie war begeistert. „Ein tolles Stück! Das Libretto ist fantastisch, die Musik auch – in dem Werk ist alles drin, Humor, Esprit, Tiefe. Seither habe ich eine große Liebe zur Oper entwickelt“, sagt sie. Und fügt lachend hinzu: „Ohne es zu wollen. . .“ Würzburg ist ihre erste Stelle als Kapellmeisterin Mit Verdis „Nabucco“ gibt Marie Jacquot nun am Samstag, 28. Januar, ihr Debüt am Mainfranken Theater. „Hugenotten“, „Entführung“ und „Idomeneo“ hat sie in Vertretung von Generalmusikdirektor Enrico Calesso bereits geleitet, aber „Nabucco“ ist die erste Opernproduktion, für die sie musikalisch verantwortlich zeichnet. Würzburg ist ihre erste Stelle als Kapellmeisterin, und dass es eine Stelle ohne Verpflichtung zum Klavier – also zur Korrepetition – ist, empfindet sie als Traum. Nicht nur, weil ihr erstes Instrument Posaune ist, 2008 hat sie ihr Studium am Conservatoire National Régional de Paris mit dem Bachelor abgeschlossen. Sondern, weil sie eben immer dirigieren und nicht korrepetieren wollte. Nach dem Posaunenstudium in Paris ging sie nach Wien Deshalb ging sie nach dem PosaunenStudium an die Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, zu Uros Lajovic, und besuchte Meisterklassen bei Ralf Weikert, Bertrand de Billy, Fabio Luisi oder Zubin Mehta. Sie kommt vom sinfonischen Repertoire her und muss nun das Opernrepertoire von Null auf lernen, sagt sie. Doch an der Oper ist nicht nur das Repertoire anders, sondern die gesamte Situation des Musizierens. „Graben ist anders. Die ersten beiden Akte der ,Hugenotten' waren eine regelrechte Klangwende“, sagt Marie Jacquot und deutet mit den Händen an, wie die Lautstärke sie beeindruckt hat. „Daran musste ich mich erst einmal gewöhnen.“ Oper dirigieren ist völlig anders als Sinfoniekonzerte Hinzu kommt der Bühne eine zusätzliche Verantwortungsebene, wenn man so will. „Es passiert viel, viel mehr als in einem Sinfoniekonzert. Man muss eine gute Balance finden zwischen Orchestervertrauen und Sängervertrauen finden. Man muss spüren, wenn ein Sänger eine Sekunde weg ist und ihn sofort wieder einfangen. “ Beim Sinfoniekonzert ist das Ziel, dass die Werke so gut geprobt sind, dass die Musiker im Konzert von der Dirigentin weder Tempovorgaben noch Einsätze brauchen, sondern nur noch Idee und Charakter der Musik. „In der Oper kann man das nicht machen. Da kann man nie loslassen und sich vielleicht ein bisschen zurücklehnen, sondern muss jede Sekunde hellwach sein.“ Einleuchtendes Gleichnis mit Rollkoffer Marie Jacquot hat dafür ein einleuchtendes Gleichnis: Auf dem Weg zum Bahnhof hat sie mit ihrem Rollkoffer einmal die Würzburger Grombühlbrücke überquert. Im abschüssigen Abschnitt hat sie festgestellt, dass der Koffer von selbst lief, sie musste nur hin und wieder rechts oder links leicht die Richtung korrigieren. Das wäre die Version Sinfoniekonzert. „In der Oper wäre der Koffer sehr, sehr groß, und man müsste immer schieben.“ Die Sprache der Musik mag universell verständlich sein, wohl aber unterscheiden sich Ausbildungswege, Klangvorstellungen oder Umgangsformen. „Alle Kulturen sind anders“, sagt Marie Jacquot. Va, pensiero: Über den berühmtestes aller Opernchöre Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass in den USA etwa darf man in der Orchesterprobe nicht einzelne Musiker herausgreifen. Das ist verpönt. „Man darf niemand einzeln kritisieren und etwa sagen, das erste Horn war zu tief. Man muss sagen: Aufpassen, Takt soundso war zu tief, bitte alle Hörner nochmal.“ Unterschiedlich auch die Klangideale: Franzosen und Amerikaner konzentrieren sich viel mehr auf Details, in Deutschland steht der Klang im Vordergrund. Deshalb klingen amerikanische und französische Orchester anders als deutsche. Wobei im Zuge der auch kulturellen Globalisierung auch diese Unterschiede allmählich verschwinden. Verdi erfordert einen völlig anderen Klang als Brahms oder Wagner Was Marie Jacquot schade findet: „Ich finde es schön, dass wir Zugang zu so vielen unterschiedlichen Vorstellungen haben. Und es ist toll, dass wir so viele Kulturen in unserem Orchester haben. Vielleicht ist es Aufgabe des Dirigenten, für diesen ganz besonderen Klang zu sorgen. “ Wobei sich dann wieder die Frage stelle, ob ein solcher Klang für das gesamte Repertoire gelten solle, oder nur für bestimmte Stücke. Bei Verdi etwa passen Akkorde, wie sie bei Brahms ober bei Wagner gespielt würden, nicht. „Da kommen die Akkorde nicht wirklich zusammen und bauen sich erst allmählich auf“, sagt Marie Jacquot und deutet eine Klangwolke an. „Bei Verdi aber muss der Klang mit dem ersten Ansatz voll da sein. Das ist in Deutschland aber meist nicht so.“ Das Frühwerk „Nabucco“ sieht Marie Jacquot näher am Klassizismus als an der Romantik. „Das bedeutet sehr deutliche Ansätze und sehr viele Kontraste – es ist immer entweder schwarz oder weiß. Niemals grau.“ Die Würze steckt bei „Nabucco“ in der Begleitung Und gerade weil die Musik oft einfach wie ein Kinderlied anmute, die Arien manchmal gar banal, sei sie nicht einfach zu gestalten. Jacquot deutet eine Arie an und dann zwei Möglichkeiten, die Begleitung dazu zu gestalten. Eine klingt elegant, die andere eher stämmig. „Die Begleitung macht die Oper interessanter, wenn man sie gut gestaltet.“ Zwei Traumopern hat Marie Jacquot, die sie unbedingt einmal dirigieren will. „Tosca“ hat sie vergangenes Jahr zum ersten Mal gehört und war tief beeindruckt von der vielschichtigen Dramatik in Puccinis Musik. Und „Parsifal“, freilich erst nach einem „Holländer“ und sehr viel Lernen. Und Mozart? „Ich liebe Mozart“, sagt Marie Jacquot. „Aber dafür brauche ich noch mehr Zeit als für Wagner. Mozart war für mich als Dirigentin immer das Schwierigste. Ich habe immer das Gefühl, dass ich die Musik störe mit dem, was ich da versuche zu machen.“ Nur einmal wurde sie abgelehnt, weil sie eine Frau ist Und dann ist da noch die obligatorische Frage, welche Erfahrungen sind in der Männerdomäne Dirigieren gemacht hat. Marie Jacquot: „Nur gute.“ In Wien wie in München. „Petrenko unterstützt die Frauen, das finde ich super. Nur einmal hat mir ein Manager in Deutschland gesagt, solange er lebe, werde er keine Frau einladen. Aber das ist nur einmal passiert.“ Noch gebe es kaum weibliche Vorbilder unter den großen Dirigenten, das halte viele Frauen davon ab, diesen Weg einzuschlagen. Marie Jacquot hat sich darüber nie wirklich Gedanken gemacht. „Wenn ich heute hier bin, dann ist das wegen des Orchesters. Sie haben mich gewählt.“

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